
Beim belgischen Grand Prix im Motocross-Mekka Lommel gewährte uns KTM-Motorsportchef Pit Beirer einen seltenen Einblick in die vergangenen, herausfordernden Monate des Unternehmens. In einem offenen Gespräch schilderte er die internen Kämpfe und Entscheidungen, die letztlich nicht nur KTM als Marke, sondern auch den Fortbestand des Motorsports gesichert haben.
KTM, ein Unternehmen mit tief verwurzelten Motorsporttraditionen, sah sich zuletzt mit gravierenden finanziellen Schwierigkeiten konfrontiert. Der Fortbestand des Rennsports innerhalb des Konzerns stand ernsthaft auf dem Spiel. Doch der unerschütterliche Racing-Geist aus Mattighofen konnte auch in einer wirtschaftlich angespannten Situation überzeugen – selbst den Insolvenzverwalter.
Beirer beschreibt die Lage rückblickend eindrücklich.
„Es war wirklich echt brutal! Auch das Racing auf dem Niveau so zusammenzuhalten. Aber es war auch in der Firmenleitung sehr früh klar – bis hin zum, und ich nehme das Wort Insolvenzverwalter nur ungern in den Mund, über Budgets zu diskutieren. Aber es wurde schon im Dezember mit der ersten Hürde am 21. Dezember beschlossen, dass Racing fester Bestandteil von KTM ist. Ohne Racing wird es keinen Neustart geben. Also war unser Auftrag, das Racing auf Topniveau am Leben zu erhalten. Das war eine sehr wichtige Hürde. Von da an bin ich rausmaschiert und habe gesagt: 'Jungs, wir kriegen das hin! Vertraut mir, vertraut uns, vertraut der Firma. 30 Jahre Erfolgsstory zerbricht jetzt nicht, aber es ist brutal schwierig!“
Mit bemerkenswerter Offenheit schildert der ehemalige Motocross-Profi, wie er mit Fahrern, Teamchefs und Mitarbeitern kommunizierte. Auch schwierige Situationen und Unsicherheiten wurden transparent gemacht – etwa dann, wenn Verträge galten, aber die Zukunft unklar war.
„Ich habe versucht, so transparent wie möglich mit den Fahrern und Teamchefs zu sein. Ich will auch nicht verschweigen, dass es Momente gab, wo einer einen Vertrag hatte und nicht einfach weglaufen konnte. Vielleicht hätte man im Januar oder Februar, wenn es keine News gegeben hätte oder die Firma pleite gegangen wäre, wirklich das Weite gesucht. Aber auch da wäre es wie so oft im Leben gewesen: Die Besten hätten sofort einen Platz gefunden. Für die ganzen Jungen habe ich mich schon verantwortlich gefühlt. Die wären in dieser Jahreszeit nirgends untergekommen.“
Heute blickt Beirer mit Erleichterung auf den gelungenen Turnaround zurück. Der Produktionsbetrieb wurde wieder aufgenommen, KTM kann durchatmen – nicht zuletzt wegen des Einsatzes einer eingeschworenen Mannschaft, wie Beirer betont.
„Wir haben gekämpft, die Mannschaft hat uns und mir vertraut. Dafür bin ich extrem dankbar. Das war echt eine Mannschaftsleistung. Hier stehen wir jetzt, die Produktion läuft wieder. Wir sind sehr, sehr glücklich und werden mit der zweiten Chance sehr sorgsam umgehen.“
Ein nicht zu unterschätzender Faktor in dieser kritischen Phase war die langjährige Bindung an viele Fahrer. Diese gewachsenen Beziehungen, oft seit der Jugend gepflegt, erwiesen sich in der Krise als unbezahlbar – im Gegensatz zu kurzfristig verpflichteten Profis ohne emotionale Bindung.
„Es war eine riesige Stärke, dass wir mit den jungen Burschen von Kindesbeinen an zusammenarbeiteten, auch weil es menschlich einfach viele Freundschaften gibt. Man kennt die Mütter, man kennt die Väter und da läuft man nicht so schnell weg. Wenn ich so einen Söldner habe, den ich erst letzten Herbst engagiert habe und ich dem einfach mehr Geld gezahlt habe, dann geht der auch wieder weg, wenn er woanders mehr Geld bekommt."
Fazit: Der Weg zurück war alles andere als einfach – doch KTM hat gezeigt, dass wirtschaftlicher Druck und Motorsportleidenschaft kein Widerspruch sein müssen. Dank eines klaren Bekenntnisses zum Racing, mutiger Entscheidungen und eines tiefen Vertrauensverhältnisses innerhalb der Strukturen konnte die Marke nicht nur überleben, sondern auch wieder Fahrt aufnehmen.
Beirer konnte am Wochenende nicht nur die Siege von Kay De Wolf und Lucas Coenen feiern, sondern auch den EMX125-Titel von Nicolò Alvisi, der ebenfalls aus dem Förderprogramm von KTM stammt.